Geschichte

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Am 27. August 1961 machte Jürgen Litfin sich morgens auf den Weg ins Gerichtsmedizinische Institut von Ost-Berlin. Am Abend vorher hatten er und seine Mutter in der "Abendschau" des Westfernsehens mit ungläubigen Entsetzen das Bild seines Bruders Günter gesehen. Der Sprecher der Abendschau Harald Karras vermeldete dazu, dass Günter Litfin am 24. August bei einem Fluchtversuch erschossen worden sei.

 

Sie hatten Günter seit dem 24. August nicht mehr gesehen und waren ohne Nachricht von ihm. Dennoch mochte Jürgen Litfin es nicht glauben - bis ihm eine Angestellte des Gerichtsmedizinischen Instituts den amtlichen Totenschein übergab: "24. Aug. 1961, 16.15 Uhr: Tod durch fremde Hand. Hals- und Mundboden-Durchschuß, verbunden mit Ertrinken."

 

Es war also wahr. Sein Bruder war bei einem Fluchtversuch im Humboldt-Hafen in Berlin-Mitte erschossen worden - er war das erste Opfer er elf Tage alten, noch provisorischen Mauer. Der gerade einmal einen Tag alte Schießbefehl hatte ein erstes junges Menschenleben gefordert.

 

42 Jahre nach dem Tod seines Bruders konnte Jürgen Litfin am 24. August 2003 die Günter-Litfin-Gedenkstätte in der Kieler Straße eröffnen. Damit hatte er sein Versprechen eingelöst, das er sich selbst einst gab. Er hat 2003 den gemeinnützigen Verein gegründet. Mit Hilfe von vielen Freunden und Sponsoren war es möglich, den völlig verwahrlosten ehemaligen Wachturm zu einer Gedenkstätte umzubauen, die das Gedenken an seinen Bruder und alle Opfer der Mauer wachhalten hilft.

 

An diesem authentischen Ort kann Jürgen Litfin Geschichte gut erklären. Da Berlin so lange im Zentrum des Kalten Krieges stand, ist es nicht nur deutsche Geschichte. Vor allem ist es die Geschichte des Scheiterns eines System. Warum es scheitern musste wird hier sehr deutlich.

 

Die Bitterkeit, die das Erinnern an die Vergangenheit in Jürgen Litfin hervorruft, wird wohl nie verschwinden und doch verarbeitet er damit die Geschichte täglich aufs Neue und berichtet den Besuchern unermüdlich von den Geschehnissen an der Grenze.

 

Seither führte er unendlich viele Gespräche mit Menschen aus ganz Deutschland, mit ausländischen Besuchern, mit Schulklassen und Jugendgruppen, auch mit ehemaligen Grenzsoldaten der NVA. Die meisten äußerten sich dankbar, dass sie etwas Genaueres erfahren, was die Mauer für der Berliner bedeutete und welch ein ausgeklügeltes System sie war, in technischer Hinsicht wie im Bewachungssystem durch die Grenztruppen.